Dienstag, 13. Oktober 2015

Tag 137, ein bunter Strauß voll Emotionen

Liebe Menschen,
gestern Abend hatte ich nette Gesellschaft. Walter Schmidbauer schreibt u.a. für die Kleine Zeitung und hat mich besucht, da er für seinen Bericht ein paar Fotos benötigte. So trafen wir uns Nahe Bonisdorf beim Gasthof Mertschnig (Rogan) an der Slowenischen Grenze, wo ich die letzte Nacht verbrachte.

Während er sich durch die Fotos klickte, hatte ich einen Erinnerungsflash nach dem anderen und war ganz beeindruckt, die Bilder erstmals nicht auf einem ca. 4 x 6 cm großen Display mit zusammengekniffenen Augen ansehen zu müssen, sondern tatsächlich etwas erkennen zu können.
Die Nacht und somit der Schlaf waren ganz gut.
Beim Frühstück stellte ich bereits fest, dass ich ganz schön nervös war - kaum Appetit, mulmiges Gefühl und zappelig. Mein Psychologinnen-Kopf wollte nicht ganz hinnehmen, dass ich beim Aufstieg zum Schafgrübler cooler drauf war als jetzt vor den letzten rund 20 Kilometern bis nach Hause. Die einzigen Gefahren stellten hier Straßen dar, aber mittlerweile hatte ich mich auf den vielen Straßenkilometern ja bereits wieder ans äugeln in beide Richtungen gewöhnt. Sogar Ampeln, die mir heute eh nicht unterkommen würden, nahm ich seit Wien wieder zur Kenntnis. Kann ich nur empfehlen - rettet Leben! ;)
So zog ich im Nebel los, aufgeregt, fröhlich, traurig, verwirrt, "wuschig" im Kopf und was da sonst noch alles dazukam - ein bunter Strauß voll Emotionen, der mir schon am Start in den letzten Tag von meinem Sein feierlich überreicht wurde.
Etappenmitte war in etwa St. Anna am Aigen. Dort zwang ich meinem mulmigen Magen ein Brot mit Schafkäse und Pfirsichnektar aus der Region auf. Schließlich war es schon nach Zwölf.
Ich wollte dem Weinweg bis zur Aussichtswarte folgen, allerdings stimmte meine Karte, meiner Meinung nach, nicht mit den Wegen überein, die ich vorfand, und so beschloss ich einfach nach Gutdünken eine Richtung einzuschlagen, was bereits kurze Zeit später dazu führte, dass ich einen LKW-Lenker befragen musste, wo ich mich eigentlich befand und in welche Richtung ich weiter musste. :-D
Nach so langer Zeit des Unterwegsseins war es eine unglaubliche Freude für mich, meinen heimatlichen Dialekt zu hören. Ich musste schmunzeln.
Es war vereinbart, dass ich bei der Aussichtswarte bei Frutten Walter für ein paar Fotos wieder treffen sollte. Da ich mich in der Zeit etwas verschätzt hatte, eilte ich den Waldweg hoch und kam ziemlich ins Schnaufen. Ich freute mich sehr auch Gerald zu sehen, den ich aus meiner Jugend kenne - somit den ersten (bekannten) Stradener.
Die Aussichtswarte musste - zum Leidwesen der beiden Fotografen - unbedingt bestiegen werden. Mein Herz schlug Purzelbäume beim Anblick von Straden (selbst bei dem trüben Wetter).
Vielleicht war ich schon zu wirr im Kopf, auf jeden Fall hatte ich anscheinend irgendetwas missverstanden und so wartete ich am Rosenberg nochmal auf die beiden, aber sie kamen nicht. Die Vorstellung, dass ich zu Fuß schneller gewesen war als die beiden mit dem Auto, vergnügte mich und so gab´s noch eine kleine Jause. Nach ca. 30 Minuten und einmal telefonieren, kamen sie dann doch noch an. Duftende Kastanien, Flüssigkeitszufuhr und Rauchschwaden hatten sie aufgehalten. Ich weiß bis heute noch nicht, was nun wirklich vereinbart war.
Das letzte Stück des Weges über Stainz b. Straden und Muggendorf bin ich fast geflogen. Allerdings musste ich dann noch ein ziemliches Stück auf den Stradener Kirchberg in Richtung Elternhaus und DAS hatte es in sich. Schon im ersten Anstieg musste ich mich etwas bremsen, da mir das Herz wie verrückt klopfte. Nach etwa der Hälfte des Anstiegs hörte ich Musik, und spätestens da wusste ich, dass nicht nur Freunde und Bekannte anwesend sein würden, sondern auch die Marktmusikkapelle, bei der ich lange Jahre mit viel Freude aktiv dabei war. Ich musste stehen bleiben und machte mir ernsthaft Sorgen um mein Herz. Klassisches Klopfen spürte ich nicht - eher sowas wie stechen, stolpern, bersten, stehen bleiben... Ich war kurz dabei, zu überlegen, woran man einen Herzinfarkt erkennen konnte und mein Gehirn war damit beschäftigt sich über den Wahnsinn aufzuregen, auf den letzten paar Metern einem Insult zu erliegen. Nach ein paarmal Husten (irgendwo hatte ich das mal gelesen) legte sich das beängstigende Gefühl im Brustkorb und ich versuchte die letzten Höhenmeter zu bewältigen.
Dann sah ich die Menschen vor unserer Garage und einen kleinen, mir vertrauten, grünen Haufen (die MMK Straden). Tränen, schluchzen, Kraftlosigkeit, die Beine wie versteift, alles streikt, die Emotionen überschwemmen mich - kein Blumenstrauß, eine Blumenwiese in voller Blüte ergießt sich in all ihrer intensiven Pracht über mich. Fassungslosigkeit und Überwältigung. Ich setz mich in unseren Rasen vor dem Birnenbaum, von dem ich seit Wochen geträumt habe. Stephan kommt. Er erzählt mir hinterher, er hätte gedacht, ein Auto hätte mich angefahren, weil ich so fertig war.
Meine Mutter kommt. Dann stehe ich auf, benommen und viel zu schwach und geh die letzten paar Schritte bis zu den bekannten Gesichtern, die mir entgegenschauen - auch berührt, mir zulächelnd, freudig... und die Musik spielt.
Die nächsten paar Minuten in meinem Kopf sind wie der Übergang von der Memminger Hütte auf das Württemberger Haus - in Nebel gehüllt.
Ich nehme Blumen entgegen, Geschenke vom Bürgermeister, den Anwesenden, umarme und begrüße Menschen, bedanke mich für ihr Kommen... jeden einzelnen will ich umarmen oder zumindest die Hand schütteln.
Den Sekt, den ich in die Hand gedrückt bekomme, nippe ich nur vorsichtig - berauscht bin ich schon so.
Den Rest des Abends sitzen wir zusammen, viele Fragen gibt es zu beantworten über die Tour und das Erlebte. Mein Bruder hat meine Route - soweit sie nachvollziehbar war - auf einer Österreich-Karte nachgesteckt und ich bin ganz angetan davon, sie zwischen Erinnerungsfotos zu vervollständigen. :) Herzlichen Dank dafür, lieber Oliver - ich hab mich riesig darüber gefreut!
Danke auch all den anderen lieben Menschen, die gekommen sind (sogar aus Graz, liebe Dagmar!!! :) ), um mich zu begrüßen und zu empfangen. Danke allen, die mitgeholfen haben, alles herzurichten, die Mehlspeise gebacken haben und in diesem unbeschreiblichen Moment bei mir waren!

Irgendwann werde ich müde, der Körper ist noch in Aufruhr und die erste Nacht danach wird ein absoluter Horror. Mehrmals schlurfe ich zur Toilette und lass mir den letzten Tag der Reise noch einmal "durch den Kopf gehen" - ich habe ihn noch nicht verdaut.

Es dauert noch, das ist mir klar!
Alles Liebe
carmen








Kommentare:

  1. Hallo Carmen!

    Nun habe in den letzten Tagen deine beeindruckende Wanderung nachgelesen - mitgelitten, geschmunzelt und vor allem voller Bewunderung für deine Leistung den imaginären Hut gezogen!
    Ich hoffe noch auf viele Fotos von deinem langen Weg und stelle - als begeisterte Österreicherin - wieder einmal fest, wie wunderschön unser Land doch ist!
    Ganz liebe Grüße aus Niederösterreich!
    Verena

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    1. Liebe Verena,
      danke und freu mich, dass dir die Berichte gefallen haben! :)
      Und ja: Österreich ist unglaublich schön!
      Alles Liebe
      carmen

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  2. Liebe Carmen, bin voller Bewunderung ob deines Mutes, deiner Kraft, deiner Ausdauer, deiner Energie, deiner................................! Willkommen daheim .
    Freue mich schon sehr, wenn wir uns mal treffen.
    Lieben Gruß! Sigrid

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    1. Liebe Sigrid,
      danke für die Blumen! :)
      Freu mich auch - bist du beim Woltemade wieder mit dabei?
      Alles Liebe
      carmen

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  3. Also eine Kapelle als Empfang ... das hat schon was!

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    1. Lieber Hans, ja das war schon was ganz Besonderes! :)

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