Donnerstag, 1. Oktober 2015

Tag 129, ich wurde beamtshandelt

Liebe Menschen,
von Marz bin ich heute aufgrund der kurzen Etappe erst spät, dafür schon bei Sonnenschein, vom bisher teuersten Quartier (weil 12€ Einzelzimmerzuschlag) aufgebrochen.
Der Burgenländische Taferlscharlatanismus (2 Wege, der Pfeil zeigt zwischen die beiden Möglichkeiten) ließ mich schon 200m nach dem Hotel die erste Einheimische in Morgenmuffellaune um Rat fragen. Eine sehr betagte Dame, die kurz darauf aus einem Haus trat, grinste mich freundlich an und frohlockte über den Sonnenschein, und dass wir eh keinen Winter bräuchten, wo ich ihr lachend zustimmte.

Gleich darauf höre ich hinter mir zwei Männer, die beinahe mit ihren Autos kollidiert wären ("Wennst nix siagst, bleib daham!" und dann "... jo, de is do gestan a scho ummanond gonga". Meinen die mich?
Ich bin hocherfreut, dass in Marz, das eigentlich nicht am 07er liegt, Wegweiser für eine Anschlussroute vorhanden sind (bis auf die Schilda-Schilder halt). Da ab dem Ortsende aber nur mehr eine angebracht ist, halte ich mich an die Burgenländische Wanderregel "Imma grodaus!" und werde nicht mal ansatzweise nervös (die abgebrühte Weitwanderinnenpsyche schlechthin), als ich ewig durch den Wald versuche immer die Abzweigung zu wählen, die geraderaus geht als die anderen. Nach längerer Zeit stoße ich dann endlich wieder auf die Markierungen - Experiment geglückt! :)
Der Wald, in dem ich mich befinde, ist ein herrlicher Laubwald mit vielen vielen Buchen - eh schon bekannt, dass ich für diese besonders schwärme. Einmal fährt auf dem sich dahinziehenden ansteigenden Weg bis zum Herrentisch ein dunkler, langsam fahrender Jeep in rund 100m Entfernung vorbei, ansonsten Ruhe pur.
Nachdem ich den Wald wieder verlassen hatte und mich auf einer sehr schönen Anhöhe befand, beschloss ich eine gemütliche Pause auf der Wiese zu machen (Danke Hannes für das ultraleichte Sitzmatterl!).
Ich bin nun schon etwas im Gönnermodus - also, ich gönne meinem Körper, der mich schon so weit getragen hat gemütliche Pausen und bin seit es südwärts geht, und ich die Tage schon zählen kann bis zur Ankunft, nicht mehr so gehetzt wie z.B. am Nordwaldkammweg.
In Sieggraben setz ich mich aufgrund meiner frühen Ankunft in eine Bäckerei, lese und telefoniere, um nicht zu früh in Kobersdorf zu sein, wo ich ab 17 Uhr erwartet werde von Andrea, meiner wunderbaren Wanderbekanntschaft.
Der letzte Abschnitt führt mich über die Schnellstraße noch kurz auf der Straße, dann auf einen Feldweg. Dunkle Lieferwagen ohne Aufschrift mit abgedunkelten Scheiben behagen mir gar nicht. Ich telefoniere nochmal kurz. An einem herrlichen Bankerl von Dornen umkränzt mach ich eine letzte Pause in der Sonne und sehe mir gerade eine Karte an, als eine schwarze VW-Limousine, die ich aufgrund des Schnellstraßenlärms und des Gestrüpps erst 2 Meter neben mir bemerke, langsam an mich heranrollt. Die Fahrerin und der Beifahrer mustern mich neugierig, der Beifahrer lässt die Scheibe runter, und ich denke an grantige Grundbesitzer oder sowas, weil sie so ernst schauen.
Was ich da tue, werde ich gefragt. Ich denk mir, ob ein Rucksack mit Wanderstecken und meine Aufmachung nicht eh Bände sprechen, aber sag dann, dass ich Wanderin bin. Woher ich komme, will man wissen. Südoststeiermark. Der bärtige Mann steigt aus. Wo genau. Naja, eigentlich wohn ich in Graz, aber gestartet bin ich in der Südoststeiermark. Wie lang sans scho unterwegs. Seit Mai. Allan? Erst jetzt nehme ich die Waffe am Gurt bewusst wahr. Ob ich einen Ausweis hab, will man auch wissen und ich bin grad froh, dass Vati gemeint hat, der Reisepass sei nicht so schwer, ich solle ihn sicherheitshalber noch mittragen. Die Dame steht mittlerweile auch vor mir und während der Mann mit dem Pass ins Auto steigt und telefoniert, plaudere ich ein bisschen mit der Frau. Sie ist der gute Cop, soviel steht schon fest. Man wisse nicht wegen der Flüchtlinge und ob ich keine unguten Situationen erlebt hätte auf meiner Tour so allgemein. Manchmal würden die Leute fünfmal anrufen, weil ein Plastiksackerl auf der Schnellstraße liegt und dann keiner, auch wenn 7 Autos in eine Karambolage involviert seien und wenn wieder jemand wegen ihnen anruft, dann können wir nächstes Mal sagen, dass ist die Frau Mag. Soundso und die wandert nur, wir haben sie schon "beamtshandelt" und sie deutet die zwei Anführungszeichen mit den beiden Händen.
Nach einiger Zeit steigt der Kollege wieder aus. Alles negativ!
Angst haben sie keine, oder? Bis jetzt so gut wie nicht! Und wo ich schlafe. (So viele Fragen!!!) Nein, nicht im Freien. Viel zu kalt! Ich muss mir zweimal auf die Zunge beißen und mir "Nein, ich hab keinen Flüchtling im Rucksack" zu verkneifen.
Gut Fuß wünscht man mir und gutes Ankommen!
Danach bin ich etwas irritiert, es dauert etwas bis sich das Auto wieder von meiner Aussicht wegbewegt. Ich trinke demonstrativ meinen Tee und mime die Entspannte, aber etwas aus dem Konzept gebracht, haben mich die beiden schon. Da hat doch glatt jemand die Polizei wegen mir gerufen.
Der restliche Weg verläuft dann entspannt und noch mit einer sehr netten Begegnung mit Barbara und ihren beiden Zwergerln. Wir plauschen total nett - sehr sympathisch ist mir diese junge Frau. Man sieht sich immer zweimal im Leben - ich freu mich jetzt schon drauf!
Kurz darauf bin ich bei Andrea, meiner netten Begegnung in Waidhofen und der Abend ist super-nett. Ich werde mit Essen, Dusche, einem bequemen Bett und einem wunderbar entspannten Gespräch, für das die Zeit einfach viel zu kurz ist, verwöhnt. Liebe Andrea, herzlichen Dank für diese herrliche Zeit und alles, was du mir sonst so an wunderbaren Sachen beschert hast. Danke für dein DaSein! Wir sehen uns wieder, da bin ich ganz sicher!
Für mich ist´s jetzt höchste Zeit ins Bett zu kommen.
Ich wünsch euch alles Liebe!
carmen

Kommentare:

  1. Liebe Carmen,
    ich denke, da machen einem die eigenen Mitbürger schon mehr Angst als tausende Flüchtlinge! Was ist, wenn da zwei Machos aus dem Auto steigen, Wanderer unvorsichtiger Weise auch nur den kleinsten Anflug von Unmut über die Amtshandlung zeigen oder gar die falsche Hautfarbe haben? (kein Scherz...schon gesehen beim 'Guten Hirten' oberhalb der Bärenschützklamm ;-)).
    Für mich sind deine Erlebnisse in dieser Region von besonderem Interesse, weil ich diese Strecke bis zum nächsten Frühsommer ja selbst irgendwann einmal gehen will.
    Liebe Grüße und komm gut heim
    Bernhard

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    1. Hallo Bernhard,
      ja, das will ich mir gar nicht vorstellen.
      Ich hätte da ein paar Infos zu schlechten Markierungen. ;)
      Alles Liebe,
      carmen

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    2. Hallo Carmen,
      auf die Infos bin ich dann mal gespannt ;)
      Schönen Tag noch,
      Bernhard

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    3. Lieber Bernhard, falls du die Burgenlandvariante ab Landsee gehst: Zwischen Weingraben und der Querung der Straße Oberrabnitz-Draßmarkt stimmte meine Karte (Kompass) überhaupt nicht, da fehlt eine kleine Straße komplett. Mach's dort Burgenländisch - imma grodaus bis zu den Wegweisern nach Moskau usw. dort links (is eh wieder markiert). Zwischen Piringsdorf und Hochstraß bin ich auch vor 4 Jahren aus Mangel an Markierungen nach Piringsd. über den Radweg an der Straße raufgegangen. Gestern hab ich absichtlich abgekürzt, hätte aber wieder keinen anderen Weg erkannt - hab aber auch nicht so gut genau geschaut.
      Alles Liebe, carmen

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    4. Liebe Carmen,
      ich danke dir für den Hinweis. Ich verwende selbst auch die Kompass-Karte. Jetzt werde ich für diesen Abschnitt aber auch zusätzlich OSM und Amap heranziehen, um ganz sicher zu gehen.
      LG, Bernhard

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  2. Und jeder 133 rufende Hobbyquerulant erfährt nun, dass du die Frau Mag. Soundso bist. Seriously? Dieser Service von unseren Freunden und Helfern und -innen würde mich jetzt echt beruhigen...

    @Bernsi66: ich bin mittlerweile beide 07er Varianten gegangen und hab den Verlauf in der OpenStreetMap eingetragen, dort sollte es (hoffentlich) halbwegs stimmen.

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    1. Lieber Gert, ich nehme an, mein Name wird nicht verkündet. ;) Der gute Cop wollte, glaub ich, die Situation entspannen. Ich frag mich, was sie getan hätten, wenn ich ohne Ausweis unterwegs gewesen wäre. Vielleicht hätten sie mich in der Limousine chauffiert. ;)
      Alles Liebe

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    2. Schau ich mir dann an...ich weiß noch nicht, welche der beiden Varianten ich zuerst gehen werde, aber mit der Zeit sicher beide.

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