Donnerstag, 15. Oktober 2015

Die Tage danach

Liebe Menschen,

ankommen ist so eine Sache. Nach einer ersten furchtbar schlechten Nacht war ich wie verkatert. Der emotionale Rausch hat also auch Auswirkungen - nur die Leber grinst unbeschadet vor sich her.

Der erste Abend und die nächsten beiden Tag sind gekennzeichnet von massiver Müdigkeit, Plan- und Hilflosigkeit in den banalsten Dingen des Alltags, der Kopf ist wie mit Watte ausgestopft:
Nach der Feier zu meiner Ankunft finde ich mich völlig planlos vor meinem Rucksack im Zimmer stehend. Das pinke, wasserdichte und so vertraute Sackerl mit den Toilettsachen halte ich mit beiden Händen vor meinem Brustkorb und steh eine halbe Minute da wie angewurzelt, weil ich weiß, dass ich es nicht brauche, aber nicht weiß, wie ich ohne das Sackerl jetzt tun soll. Mein Verstand zwingt mich dann, es wieder hinzulegen und einfach ins Bad zu gehen, wo ich ohnehin alles finde, was ich brauche.

Mein wattiertes Kopfinneres beschert mir am nächsten Tag das Sprechtempo einer stark sedierten Patientin. Aber irgendwie vermittelt mir das selbst aber auch ganz viel Ruhe und Gelassenheit, die definitiv auch da ist. Als ich meinem Bruder nach draußen folgen will, gehe ich ohne Übertreibung fünfmal im Vorhaus hin und her, mit dem Gefühl was vergessen zu haben, bis ich endlich behirne, dass ich keinen Rucksack mehr mit mir herumtrage.
Der Kühlschrank überfordert mich völlig... ich bin ja ständig hungrig, aber immer, wenn ich reinschaue, mach ich ihn gleich wieder zu. Da ist so vieles drin, dass ich gar nicht weiß, was tun, und so zieh ich mit knurrendem Magen wieder ab.
Nach einem ausgiebigen Nachmittagsschlaf, der nun endlich erholsam ist, beschließe ich mit meiner Freundin auf einen Sprung zum Fest des Musikvereins zu schauen. Irgendwie hilft das auch ein bisschen anzukommen, auch wenn die vielen Menschen und der Lärmpegel gewöhnungsbedürftig sind. Ich freu mich aber auch Freunde zu treffen, die ich noch nicht gesehen habe, um sie fest zu drücken. Um halb 12 sind wir dann beide müde genug, um nach Hause zu fahren. Ich bin froh, dass es regnet und finster ist und etwas nebelig - so passt mein Wohlfühltempo zu den Straßenverhältnissen und ich kann Martina sicher heimbringen.
Zuhause angekommen bin ich dann doch putzmunter und so chatte ich mit Peter in New York, bei dem es gerade früher Abend ist. :)
Auch am Sonntag bin ich noch verhältnismäßig müde. In Wandermanier schlüpf ich bei Sauwetter in eine Bellarine, bin heilfroh, dass ich vor dem miesen Wetter nach Hause gekommen bin und treff mich mit meinen Eltern beim Erntedank-Frühschoppen im Ort. Gleich am Eingang begrüßen mich Menschen, die mir gratulieren, obwohl ich sie zum Teil gar nicht kenne. Sogar aufstehen muss ich, weil ich offiziell begrüßt werde. Das ist dann schon fast zu viel für mein etwas verschlossenes Wanderinen-Dasein. Es ist der Tag, an dem Walter Schmidbauers Bericht in der Kleinen Zeitung steht, den ein paar Frühaufsteher wohl schon gelesen haben. ;)
Wer ihn nachlesen mag - mir hat er sehr gut gefallen:

http://www.kleinezeitung.at/s/steiermark/suedostsued/peak_suedostsued/4839929/Straden_Eine-Wanderine-der-besonderen-Art

Herzlichen Dank lieber Walter, ich mag wie du schreibst und bezweifle, dass mich jeder so gut verstanden hätte wie du! :)

So richtig komme ich erst an, als ich in meine Wohnung nach Graz komme, mich auf die Couch setzte und durchatme. Das ist Zuhause! Ganz wunderbar!

Nach 12 Stunden Schlaf im eigenen Bett fühl ich mich am Montag schon fast zum Bäume ausreißen - aber auch nur fast. Die Füße schmerzen noch ziemlich, es gibt einige Verspannungen zu beheben und nach wenig Anstrengung bin ich gleich wieder sehr müde.

Leider hab ich meine Brille in einem Hotel vergessen, das der Auffassung ist, dass 2 Servietten und ein Kuvert eine entsprechend sichere Verpackung für den Versand darstellen, weshalb ich mich nun damit beschäftige, herauszufinden, was ich tun muss, damit meine Brille ersetzt wird, die verbogen und an den Glasrändern abgesplittert ist. Mühsam, aber langsam komm ich der Lösung näher... :-/

Viele Waschmaschine-Fuhren später (die Basecamp-Leitung hatte andere Prioritäten ;-) ), nach dem Verstauen unzähliger Wanderassessoires, der (nach der Tour) ersten selbstgekochten Gemüsepfanne und einer zweistündigen Massage durch Dagmars Wunderhände bin ich nun so halbwegs im Alltag gelandet und hab sogar schon meine Oboe ausgepackt. Bis ich die wieder gut spielen kann, wird es etwas dauern, da die Muskulatur im Mundbereich ziemlich degeneriert ist, aber ich freu mich auf die erste Probe heute, bei der ich wohl mehr zuhören werde als spielen.

Die Kletterschuhe sind leider noch eine ziemliche Zumutung für meine geplagten Füße, aber wieder ein bisschen an Griffen zu hängen war wirklich fein und macht Lust auf mehr! :)

Nun bin ich dabei Karten zu sortieren, das Buch konkreter werden zu lassen, Fotos zu benamsen, usw. usf.

Bis bald!
Alles Liebe
carmen





Kommentare:

  1. Grias di Carmen,
    ich kann deine Gedanken und Gefühle nachvollziehen. Der "Alltag" ist auf einmal alles andere als einfach...doch wirst du bald wieder ankommen, das kann ich dir versprechen.
    Wie wirst du denn dein Buch aufziehen? Hast schon einen Verlag?
    Liebe Grüße, Martin

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  2. Hallo Carmen. Du hast es geschafft. Hab teilweise deine Erzählungen gelesen. Und hab dann den Bericht in der Kleinen Zeitung gelesen. Wir, die "Hobbits" haben uns geehrt gefühlt, dass du uns nach solanger Zeit noch in Erinnerung hast. Ganz Liebe Grüße aus Kärnten. Vielleicht lauf ma uns ja wiedermal über den Weg. L. G. Seppi und Freunde.

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    1. Lieber Seppi, ich hab länger nicht in den Blog geschaut und freu mich umso mehr deine Nachricht zu lesen! :) Wie könnte ich "meine Hobbits" vergessen!? Nein, das war schon eine besonders freudig-fröhliche Begegnung und gehört zu den einprägsamen Stunden der Wanderung.
      Ich wünsch euch allen alles Liebe, weiterhin viel Glück am Berg und überhaupt - freu mich auf ein unerwartetes Wiedersehen!
      Alles Liebe,
      carmen

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